Ab einer Personenbelegung von mehr als 300 in einem Raum steigt das Risiko im Brandfall stark: höhere Evakuationsdauer, dichter Personenstrom, geringere Selbstrettungsfähigkeit bei Panik, Alkohol oder Dunkelheit, komplexere Fluchtwegführung, höhere Abhängigkeit von Organisation und Personal. Deshalb verlangen Schweizer Brandschutzvorgaben und Vollzugshilfen für Räume mit mehr als 300 Personen organisatorische Massnahmen, darunter die Bestimmung eines Sicherheitsbeauftragten Brandschutz (SiBe).
Diese Anforderung betrifft Kongresse, Tagungen, Events, Clubs, Mehrzweckhallen, Säle, Grossgastronomie mit Veranstaltungsteil, Arenen und temporäre Setups, sobald die Belegungsschwelle erreicht oder überschritten wird.
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Für wen das in der Praxis gilt
Typische Betriebe und Veranstalter, die ab 300 Personen einen SiBe Brandschutz einplanen müssen:
• Kongress- und Tagungszentren mit grossen Sälen oder teilbaren Räumen
• Eventlocations für Firmenanlässe, Konzerte, Shows, Festivals (indoor)
• Clubs und Nachtbetriebe mit hoher gleichzeitiger Belegung
• Mehrzweckhallen und Gemeindesäle mit Bestuhlung, Tribünen oder Stehplätzen
• Temporäre Veranstaltungsbauten wie Zelte und vergleichbare Anlagen
Für temporäre Bauten wird die Pflicht ebenfalls explizit genannt: Für Zeltbauten mit mehr als 300 Personen ist ein SiBe zu bestimmen.
Im Vollzug ist der SiBe zudem Teil des Sicherheitskonzepts und wird gegenüber der Bewilligungsbehörde ausgewiesen, je nach Kanton und Art der Veranstaltung.
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Was «SiBe Brandschutz» bedeutet, in einfachen Worten
Der SiBe ist die intern verantwortliche Person für den organisatorischen Brandschutz im Betrieb oder an der Veranstaltung. Nicht Technik, nicht Papier, nicht Symbolrolle. Der SiBe sorgt dafür, dass:
• Flucht- und Rettungswege im Betrieb tatsächlich funktionieren
• Personal weiss, was bei Alarm zu tun ist
• Brandrisiken aus Betrieb, Aufbau und Publikum kontrolliert werden
• Nachweise für Behörden, Gebäudeversicherung und interne Revision vorhanden sind
Vollzugshilfen und Arbeitshilfen führen Räume mit mehr als 300 Personen explizit als Anwendungsfall, in dem ein SiBe erforderlich ist.
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Warum Entscheider den SiBe brauchen: Risiko, Haftung, Bewilligungsfähigkeit
1) Bewilligungen und Auflagen werden planbar
Ab einer gewissen Personenbelegung verlangen Behörden ein Sicherheitskonzept und definieren Auflagen. Ein benannter SiBe macht die organisatorische Seite prüfbar, nachvollziehbar, bewilligungsfähig. In kantonalen Unterlagen wird der SiBe im Sicherheitskonzept zuhanden der Bewilligungsbehörde aufgeführt.
2) Evakuation ist Organisationsleistung, nicht Theorie
Bei 300 plus Personen entscheidet das Zusammenspiel aus Personal, Durchsagen, Fluchtwegführung, Türmanagement, Crowd Management. Technische Installationen helfen nur, wenn Abläufe definiert und geübt sind.
3) Operative Risiken werden reduziert
Die häufigsten Ursachen für gefährliche Situationen sind banal: verstellte Ausgänge, blockierte Brandschutztüren, provisorische Kabel, Dekorationen, unklare Zuständigkeiten, uninstruiertes Personal. Ein SiBe bringt Kontrolle in den Alltag.
4) Nachweisbarkeit schützt Führung und Betrieb
Im Ereignisfall zählt, ob angemessene Massnahmen organisiert, dokumentiert und umgesetzt wurden. Arbeitshilfen betonen die Verantwortung von Eigentümern und Nutzern für die Brandsicherheit.
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Kernaufgaben des SiBe in Kongress, Tagung, Event, Club
A) Vor dem Anlass oder vor Betriebsaufnahme
• Prüfung der Personenbelegung, Nutzungsart, Bestuhlungs- oder Stehplatzkonzept
• Kontrolle der Fluchtwegkapazität, Freihaltung, Signaletik, Sicherheitsbeleuchtung nach Vorgaben und Auflagen
• Abstimmung mit Betreiber, Veranstalter, Technik, Security, Gastro, Hausdienst
• Definition der Alarmorganisation: Rollen, Sammelplätze, Zutritts- und Räumungslogik
• Einbindung externer Dienstleister: Bühnenbau, Deko, Pyrotechnik, Catering, Reinigung
• Erstellung und Pflege der Nachweise für Bewilligung und interne Freigabe, wo gefordert
B) Während des Anlasses oder im laufenden Betrieb
• Laufende Kontrolle, dass Ausgänge und Rettungswege frei bleiben
• Management von Türsituationen (z. B. nicht verkeilte Brandschutztüren)
• Überwachung von risikoreichen Zonen: Foyer, Garderobe, Barbereiche, Backstage, Lager, Entsorgung
• Koordination bei Störungen: Rauchentwicklung, Überbelegung, Ausfall von Beleuchtung, Konfliktlagen
• Sicherstellen, dass Durchsagen und Instruktionen umgesetzt werden (bei grossen Belegungen können zusätzliche Anforderungen wie Sprachdurchsagen relevant sein)
C) Nach dem Anlass oder im periodischen Betrieb
• Protokollierung von Mängeln, Massnahmen, Lessons Learned
• Nachführung von Checklisten, Ablaufplänen, Verantwortlichkeiten
• Vorbereitung auf Begehungen, Audits, Wiederholungsveranstaltungen
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Was die Betriebsleitung konkret regeln muss
Rollen- und Stellvertretungsmodell
• Benennung SiBe plus Stellvertretung
• Klare Schnittstellen zu Betriebsleitung, Technik, Security, Eventleitung
• Kompetenzen: Anordnung zur Freihaltung von Fluchtwegen, Stop von risikoreichen Aufbauten, Eskalationsrecht
Instruktion als Standardprozess
• Pflichtinstruktion für Eventteams, Aushilfen, temporäres Personal
• Kurzbriefings vor Türöffnung: Aufgaben, Fluchtwege, Alarmkette, Sammelpunkte
• Dokumentierter Onboarding-Baustein für wiederkehrende Mitarbeitende
Zeit, Ressourcen, Durchsetzung
• Zeitfenster für Kontrollen vor Öffnung und während Spitzenzeiten
• Zugriff auf Pläne, Schlüssel, Technikräume, Kommunikationsmittel
• Klare Regel: Abweichungen werden nicht toleriert, sondern korrigiert und dokumentiert
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Typische Schwachstellen bei Veranstaltungen ab 300 Personen
• Bestuhlungs- oder Stehplatzlayout reduziert unbemerkt Fluchtwegbreite
• Zusätzliche Bars, Stände, Sponsorenelemente blockieren Ausgänge
• Brandschutztüren werden offen gehalten wegen Logistik oder Lärm
• Deko und Vorhänge erhöhen Brandlast oder beeinträchtigen Fluchtwegführung
• Personalwechsel am Abend ohne erneutes Briefing
• Security und Betrieb arbeiten nebeneinander statt in einer gemeinsamen Alarmorganisation
Die Folge sind Auflagen, kurzfristige Kapazitätsreduktionen, Verzögerungen beim Einlass, Konflikte mit Behörden, erhöhtes Ereignisrisiko.
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Nutzen für Betreiber und Veranstalter
• Schnellere, stabilere Bewilligungsprozesse, weil organisatorische Anforderungen sauber abgebildet sind
• Weniger Betriebsunterbrüche durch Mängel und kurzfristige Interventionen
• Höhere Sicherheit im Realbetrieb, weil Fluchtwege und Abläufe laufend kontrolliert werden
• Bessere Haftungsposition, weil Zuständigkeiten, Instruktionen und Kontrollen nachweisbar sind
Fazit
Veranstaltungsräume mit mehr als 300 Personen gehören zu den klaren Anwendungsfällen, in denen ein Sicherheitsbeauftragter Brandschutz (SiBe) erforderlich ist. Für temporäre Veranstaltungsbauten wird die Pflicht ebenfalls explizit genannt, etwa bei Zeltbauten über 300 Personen.
Ein SiBe macht Veranstaltungen bewilligungsfähig, reduziert operative Risiken, stabilisiert Evakuationsabläufe und schafft belastbare Nachweise.
Mehr Informationen zur Ausbildung zum SiBe Brandschutz: Ausbildung zum SiBe Brandschutz – zertifizierte Qualifikation für Mitarbeitende